Warum Twitter nicht tot ist und wie die Zukunft aussieht
Hausgemachte Probleme und Zukunftsprognose
Ein unterschiedlicher kultureller Zugang auf der einen Seite und eine kaum vorhandene Zunahme der Nutzer auf der anderen Seite sind sicher nicht von Vorteil für das Fortbestehen eines sozialen Netzwerks. Die Ursachen für den oft prophezeiten Niedergang von Twitter sind jedoch auf einer tiefer liegenden Ebene zu suchen.
Stark ins Gewicht fällt zum Beispiel die wirtschaftliche Strahlkraft von Twitter. Diese leidet seit einiger Zeit unter den gewaltigen Umwälzungen im Konzern. Exemplarisch lässt sich das gut am Aktienkurs des Kurznachrichtendienstes belegen. Trotz der Rückkehr von Twitter-Gründer Jack Dorsey Mitte 2015 auf den Posten des Geschäftsführers und einer radikalen Verschlankungskur - mehr als 1.000 Mitarbeiter haben ihren Job verloren und Dienste wie die Kurzvideo-App Vine wurden eingestellt - befindet sich der Aktienkurs weiter auf Talfahrt. Wurde ein Wertpapier der "Twitter Inc." an der amerikanischen Börse Nasdaq im April 2015 noch zu einem Preis von 48,71 Euro gehandelt, war eine Twitter-Aktie am 28. November 2016 nur noch 16,91 Euro wert - ein massiver Wertverlust.
Hinzu kommt, dass es dem Kurznachrichtendienst aus San Francisco nie gelungen ist, Gewinne zu erzielen. "Twitter konnte seit Bestehen nicht ein einziges Mal ein Plus unter seine Jahresbilanz schreiben und scheint selbst für eine Übernahme kein spannender Kandidat mehr zu sein", sagt Bastian Scherbeck von Kolle Rebbe. Er bezieht sich auf die gescheiterte Übernahme von Twitter, die CEO Jack Dorsey im Herbst 2016 selbst inszeniert hatte.
Auf der Liste der möglichen Interessenten fanden sich Branchengrössen wie die Google-Mutter Alphabet, der Datenspezialist Salesforce und Disney. Als Kaufpreis standen zwischen 20 und 30 Milliarden US-Dollar im Raum. Letzten Endes sprangen jedoch alle Kandidaten ab. Als Begründung führte Salesforce-Chef Mark Benioff an, dass "Twitter einfach nicht der richtige Partner sei".
Das kann unter anderem daran liegen, dass Twitter wie auch Facebook derzeit stark mit Hasskommentaren, Spam und Bots zu kämpfen hat und bislang noch keine zufriedenstellende Lösung präsentieren konnte. Und auch interne Fehler dürften eine Rolle bei den Absagen gespielt haben. In diese Kategorie fallen die Fehler bei der Ausgliederung beziehungsweise die schlechte oder zu späte Integration von Diensten wie Vine und der Livestreaming-App Periscope in Twitter selbst.
So war es lange Zeit nur möglich, einen Livestream aus der Periscope-App heraus zu senden. Die Integration der Livestreaming-Sparte kam erst, als Mark Zuckerberg mit Facebook Live in puncto Echzeit-Videoberichterstattung schon an Twitters Dienst Periscope vorbeigezogen war. Das sieht auch Webguerillas-Geschäftsführer David Eicher so: "Twitter selbst hat den Fehler begangen, Dienstleistungen wie Periscope in andere Apps auszulagern und hat zudem vergessen, die eigenen Möglichkeiten aktiv selbst zu bewerben."
"Ich bin mir zu 100 Prozent sicher: Twitter wird in den nächsten zwölf Monaten radikal auf Profit getrimmt und dann meistbietend verkauft. Nicht weil es generell keine Zukunft mehr hat, sondern weil es schon zu lange im eigenen Saft schmort", sagt Bastian Scherbeck, Head of Digital Interaction bei Kolle Rebbe.
Selbst wenn Twitter nicht zwanghaft den Anspruch verfolgen muss, ein Massenmedium zu sein, ist es trotzdem sinnvoll, die Möglichkeiten des eigenen Dienstes öffentlichkeitswirksam zu präsentieren. Dass Twitter das kann, hat es kürzlich unter Beweis gestellt als der Periscope Producer in einem mehrstündigen Live-Event mit McDonald’s - Livestreams können über professionelles Kamera-Equipment gesendet werden - in Deutschland vorgestellt wurde. Das Problem: Facebook bietet diese Option schon seit einiger Zeit an. Folglich lässt sich auch in diesem Fall das Fazit ziehen: Das Produkt und die Dienstleistung von Twitter sind gut und erzielen auch mit Hinblick auf die Werbewirkung gute Ergebnisse. Allerdings ist "Twitter leider in vielen Fällen zu einem ‚Me too‘-Anbieter geworden, der - auch wenn das den Tatsachen nicht mehr zu hundert Prozent gerecht wird - in Deutschland weiter unter dem Stigma ‚Nerd-Kommunikation‘ leidet", wie es Bastian Scherbeck beschreibt.